Stimme, Text und Zwerchfell

In der letzten Woche durfte ich einen Workshop in Düsseldorf geben. Gefragt war Sprechtraining für Hobbyfilmer.

Ich bin kein ausgebildeter Sprecher, noch mache ich Jobs als solcher. Allerdings, seit Harald Kleinecke mich damals für meine erste Rolle vorbereitet hatte (Orest in Elektra von Hofmannsthal), stand mir ein gewisses Talent für artikulierte und laute Sprache zur Verfügung. Bis dahin war das Gegenteil für mich üblich. Zumindest, wenn es um öffentliches reden ging. Der Trick war damals, dass ich meinen Text, gegen einen Sack boxend herausbrüllen musste, unter ständiger Anweisung, noch lauter zu werden. Aggression war hier der Motor, denn diese wurde immer größer und treibender, je öfter ich zu hören bekam, dass ich immer noch nicht laut genug war. Verstehen sollte man mich auch noch. Diese Übung werde ich nie vergessen, auch wenn es dann noch bis zur nächsten Rolle (Zettel in Sommernachtstraum) dauern sollte, bis sich meine Stimme voll entfaltete. Und das war wirklich eine bedeutende Sache für mich, da ich wirklich kaum zu verstehen war, sei es am Telefon, oder eben in öffentlichen Situationen – am Telefon zum Beispiel, hielt man mich ewig für meine Mutter, daher hasste ich meine Stimme. Im Grundschulalter, so ich mich erinnere, war ich gelegentlich kreischig, oder bekam schrille, beinah hysterische Ausraster, wenn mich etwas sehr bewegte, was mir später einfach peinlich wurde, weshalb ich also irgendwann lieber stumm blieb.  Jedenfalls: im Theater lernte ich also recht fix, wie ich mit meiner Stimme umgehen konnte und irgendwann überließ man mir gerne die Stimmaufwärmung, oder ich durfte in Ferienprojekten oder Theater-AGs den stillen Kandidaten das beibringen, was ich gelernt hatte: laut und deutlich sprechen.
Neben solchen praktischen Gelegenheiten, schrieb ich damals schon Texte, die ich hin und wieder auch stimmlich inszenierte. Ich erinnere mich dunkel an einen Text, von dem ich allerdings nicht mehr erinnere als die Hookline: Krebs im Kopf. Ich weiß auch noch, dass ich drei verschiedene Stimmen dazu benötigte. Eine sprach ich selbst und die anderen wurden von Malcolm L. und noch jemanden (ich weiß nicht mehr wem) gesprochen. Die Bühne war dunkel und wir sprachen aus dem Off.
Oder: eine Zeitlang entwickelte ich mit Ivar B., Hitler und Goebbels Sketsche, wobei ich (damals mit blonden Dreadlocks) Hitler spielte und bei Charly Chaplin die Stimmvorlage klaute. Das waren ein paar der frühen Experimente.
Später, abseits von Rollen, sprach ich eigentlich nur selbstgeschriebene formal-anarchistische Lyrik mit Prosaanteilen. Zum Beispiel: in Zusammenarbeit mit meinem Bruder, sprach ich das Stück „Mitleidsvorschuss“, welches mit Schlagzeug und Noise-Elementen eine Art Hörerfahrung sein sollte.
Eigentlich wollte ich auch immer Shouter in einer Hardcore oder Screamoband werden, aber ich hatte weder eine Band, noch konnte ich Texte schreiben, die sich den Regeln der Musik unterwerfen ließen (darum formal-anarchistische Lyrik, weil ich einfach viel zu faul für funktionierende Lyrics bin). Als ich dann Noise für mich entdeckte, suchte ich noch eine Weile nach einer Verbindung von Geräusch und Stimme, aber ich fand nichts, was mir wirklich gefiel und ich traue mich heute noch immer nicht, öffentlich zu schreien (was vielleicht aber ganz gut zu meinem Sound passen würde), wenn ich nicht gerade in einer Rolle auf der Bühne bin. In Verbindung mit meinem Sound, ist das einfach etwas anderes. Geht nicht.
Ich habe sogar, damals im „leeren raum kleve“ mit Santa einen Podcast gemacht. Nicht lange und am Inhalt hat es durchaus gemangelt, aber meine Stimmfertigkeiten reichten durchaus aus. Heute spreche ich überwiegend noch Sprachnachrichten – das aber leidenschaftlich gerne.

Also: Ich habe mich wirklich viel – später noch durch meine Theaterpädagogenausbildung – mit Stimme und Inszenierung derselben befasst. Größtenteils durch LearningByDoing, wie eigentlich mit den meisten Sachen, die ich je gelernt habe. Ich bin ein launischer Autodidakt, was sich sicher nicht vertuschen lässt. Egal! Ich denke tatsächlich, vor allem weil ich nun ja doch eine abgeschlossene Ausbildung als Theaterpädagoge habe, dass ich durchaus inspirierende und förderliche Workshops zum Thema Stimme und akustische Textgestaltung geben kann. Leider gibt es nicht annähernd soviele Audio- oder Videofiles, die ich vorzeigen könnte, wie ich Experimente gemacht und geübt habe. Aber darum schreibe ich ja diesen Text.

Ich war also letzten Dienstag gebucht, für einen Workshop zum Thema Sprechen von Texten für Amateurfilmer.

Und was soll ich sagen: ich konnte etwas vermitteln, obwohl die Teilnehmer nicht damit gerechnet hatten, dass sie sich aktiv der Peinlichkeit der Stimmaufwärmung hingeben mussten!
Allerdings hab ich als aller erstes klargestellt, dass ich keine Ahnung von Kommentaren, Berichten, Sprechstilen und den Gesetzmäßigkeiten in Funk und Fernsehen habe. Ich stellte zur Aussicht, dass ich allerdings wohl weiß, wie man Stimme trainieren und Texte irgendwie inszenieren kann. Nur das man beim Film eben längst nicht so viel Volumen aufzubauen braucht, wie auf der Bühne.
Ich konnte wohl auch ganz im Sinne meines ehemaligen Dozenten Detlef Fuchs vermitteln, dass jeder der Teilnehmer seine eigenen Qualitäten hat, die er nutzbar machen kann, statt dem scheinbar einzig Richtigen nachzujagen und dann doch frustriert aufzugeben, weil man es nicht erreicht.

Und es ist immer wieder erstaunlich, wie schwer es den meisten fällt, das Zwerchfell richtig zu benutzen und sie dann beim Einatmen den Bauch einziehen.

Eine Frage konnte ich bis heute allerdings noch nicht klären: Apfelschorle vor dem Auftritt, ja oder nein?

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