Ein Zweifelhaftes

Als Kind legen wir alle Seelenteile in ein Objekt, ein Unbelebtes wird belebt, oder gar halluziniert als Unsichtbares, welches für uns dann realer ist, als jeder Andere, zumindest aber mehr Bedeutung hat, da es stets an unserer Seite ist und uns ähnlicher ist, als die Mutter es je sein könnte – ist es doch ganz wir. Es gibt Versuche Freuds Unterstellung des infantilen Narzissmus, in primitiven Kulturen, zu widerlegen, wenn die Rede von indianischen Völkern ist, die alles dem Menschen gleich machen und so, scheinbar, die Besonderheit des Menschen aufheben. Ich halte die Versuche für zu voreilig; wenn doch alles Mensch ist, scheint mir ebendies Narzissmus schlechthin zu sein, egal ob die Anima nun im Tiere oder Menschen wohnt, bleibt es doch der Mensch der die Gleichsetzung vollzieht. Aber vielleicht drängt sich dieser Gedanke nur so hartnäckig auf, weil für mich der Dualismus nur schwer aufzuheben ist, bin ich doch durch und durch nach diesem sozialisiert. Wirft man einen Blick in die Psychoanalyse, so bleibt einem nichts andres übrig, als vorerst den Dualismus als Notwendigkeit zu erkennen, um das Subjekt vom Objekt zu scheiden, was den Urmenschen sicherlich im Angesicht des Säbelzahntigers, des Öfteren das Leben gerettet haben könnte. Doch wie verlässt das Kind den narzisstischen Zustand und nimmt die Entwicklung zu einem Subjekt auf? Wer geleitet es von dem einen Zustand in den Nächsten? Gehen biologisch psychische Prozesse einher mit ordnungs- und identitätstiftenden kulturellen Ritualen?

Ja, so meine These. Jede Kultur kennt Initiationsriten, nur in der westlichen Zivilisation ist kaum noch etwas davon über als vielleicht noch die Erstkommunion, die aber weniger Bedeutung als der 18. Geburtstag hat. Eine bewusste Veränderung der Stellung in der Gesellschaft, die auch respektiert und nicht relativiert wird, gibt es kaum noch, gilt doch noch der 20 Jährige als nicht ernstzunehmend und muss sich den Respekt erst noch erarbeiten, wahrscheinlich härter als jedes Ritual es erzwingt. Es gibt keine Initiation, die nicht relativ zu Klasse, Kultur oder Bildungsstand ist. Die Biologie ist – zum Glück – nicht länger maßgebend, was wir auch der erfolgreichen Installation eines Rechtsstaates verdanken, der basierend auf Psychologie garantiert, dass die menstruierende Zehnjährige nicht länger als heiratsfähig gilt. So ist die Abwesenheit von Initiationsriten ambivalent: sie schützt das Individuum in seiner selbstbestimmten Ich-Entwicklung, während gleichzeitig die Unsicherheit über Status und Reife des Individuums, sich der Zweifel des Subjektes über sich selbst ermächtigt und das Moment der nicht-Zugehörigkeit ins endlose gestreckt wird. Orientierungslosigkeit mag die erdrückende Folge sein, die zur Reproduktion von allgemeinen, nicht individualistischen Idientitäsentwürfen, wie die der stereotypischen Mutter oder des wertschöpfenden Angestellten nötigen. Varianten der Identitäten gibt es auf dem Markt (oder in archaischen Kulturen) noch und nöcher, missachten sie jedoch die wahrhaftige Individualität brutal, geben sie sich auch noch so individualistisch. So werden alle gleich oder werden auf ihren Platz verwiesen. Systemerhaltende Ordnungen werden zementiert und das Streben nach subjektiven Lebensentwürfen zumindest doch erschwert – schlimmer sind noch die Lügen über das Sein. Sie stürzen reihenweise die Entmenschlichten in Abgründe, die sich nicht mal auf den trügerischen Flügeln der tauschgeschäftigen Liebe überwinden lassen.

Die Performance „Ein Zweifelhaftes“ widmet sich genau dieser Problematik und vollzieht eine rituelle Handlung, die aber in ihrer Liminalität stecken bleibt, die, obschon das Opfer dargebracht wird, die dualistische Reflexion des Dazwischen aufrechterhält, steht am Ende doch nichts, als die Orientierungslosigkeit, die für einen Moment erträglich wird.

Bald mehr dazu.

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